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„Wir sind ein bisschen wie die
Piratenpartei.“
Ein Blick in die Zukunft der Kirche – 15 Jahre nach dem Amtsantritt von
Pastor Steinke MITEINANDER: Viele sagen, dass die
Kirche unter Benedikt XVI. konservativer
geworden ist. Kritiker werfen ihm vor, dies
beschleunige den Schrumpfungsprozess
der Kirche. Wird die katholische Kirche
langsam zu einer Sekte oder einer
Randgruppe in der Gesellschaft?
Steinke: Dass zumindest bei uns hier in
Europa die Zahlen kleiner werden, lässt
sich objektiv feststellen. Welche Haltung
die Kirche dabei prägt, wie wir damit
umgehen, ist dagegen unsere subjektive
Entscheidung und kann auch von außen
verschieden wahrgenommen werden.
Zweifellos zeigen im Augenblick viele
römische Entscheidungen ein klares
Profil, werden daher vielfach als extrem
konservativ wahrgenommen. Ich glaube
durchaus, dass es zur vatikanischen
Strategie gehört, „den Markenkern zu
stärken“, also spezifisch katholische
Postionen zu festigen. Ich habe aber,
anders als viele Kritiker des Papstes,
nicht den Eindruck, dass sich diese
Tendenzen gegen das Konzil wenden
oder gar Entscheidungen rückgängig
machen wollen. Wenn die Kirche heute
klare Kante zeigt, ist das eine mögliche
Strategie der Mission. Aber auch die
sogenannten Konservativen wissen, dass
die Uhr sich nicht zurückdrehen lässt,
will sagen: Die Kirche bewegt sich heute
in einer völlig anderen Welt als vor 50
Jahren.
MITEINANDER: Trotzdem lassen sich
Positionen wie etwa die katholische
Ehelehre in der heutigen Welt schwer
vermitteln.
Steinke: Aber eine dauerhafte
Bindung wie die Ehe hat einen
unschätzbaren Wert für unser
Leben und die ganze Gesellschaft.
Das wissen auch viele Kritiker der kirchlichen Position. So schwierig die
Situation von Menschen, deren Ehe
gescheitert ist, auch ist: Die simple
Forderung, wiederverheiratete
Geschiedene zur Kommunion
zuzulassen, trägt doch eher zu einer
Verflachung der Werte bei und wird
den Problemen nicht gerecht. Diese
Fragen muss man differenzierter
angehen und zugleich mit
seelsorglichem Fingerspitzengefühl.
Und es sollte deutlich bleiben: Die
Ehe als Sakrament ist in allererster
Linie ein Bild für die grenzenlose
(unbefristete und unauflösliche)
Liebe Gottes. Manchmal fehlt es
auch an diesem Verständnis, was
die Ehe im katholischen Verständnis bedeutet und welche Kraft daraus
erwachsen kann.
MITEINANDER: Kann man dann
nur Menschen zum Ehesakrament zulassen, die das verstanden
haben? Die Ehe als „Hochform des
Zusammenlebens“?
Steinke: Wer sollte denn darüber
entscheiden, wem man dieses
Verständnis der Ehe zutraut? Viele
Fragen regelt ja das Kirchenrecht. Ich
weiß, dass viele das für befremdlich
halten, weil für sie Kirche nicht mit
einem Gesetzbuch zusammenpasst.
Für mich als Seelsorger ist es aber
entlastend, klare Definitionen zu haben, wer zu den Sakramenten
zugelassen wird. Ich will kein „Gesinnungsschnüffler“ sein. Wenn
jemand vor Gott ein Versprechen
abgibt, möchte ich darüber zwar
intensiv sprechen, aber nicht
anzweifeln, dass er oder sie es ehrlich
meint.
MITEINANDER: Viele Menschen schätzen
an der Kirche die Riten, also äußere
Formen. Auch manche jungen Leute
begeistern sich z.B. für die Messe, wie sie
vor dem Konzil gefeiert wurde. Haben Sie
dafür Verständnis?
Steinke: Zunächst einmal müssen wir uns
bewusst machen, dass die vorkonziliare
Liturgie nicht ohne ihre zeitlichen
Umstände zu verstehen ist. Manche
Elemente mögen aus ästhetischer Sicht
schöner gewesen sein, sie lassen sich
auch argumentativ unterlegen. Im
Rückblick wird hier aber vieles verklärt.
Mit dem Konzil hat sich auch die innere
Bildung der Gemeinde verändert. Dass
die Gottesdienstgemeinde nicht nur
Zuschauer ist, sondern eine Gemeinschaft
von Mitfeiernden, ist ein hoher Anspruch.
Ich glaube, dass heutzutage viele Messen
mit wesentlich mehr spirituellem Ernst
aller Beteiligten gefeiert werden
als vielerorts in früheren Jahren. Die
Perfektion, mit der heute mancherorts die
alten Riten gepflegt werden, war früher
beileibe nicht der Regelfall. Und ich bin
überzeugt, dass es kommunikativ und
geistlich anspruchsvoller ist, als Priester
der Gemeinde ins Auge blicken zu
müssen - und umgekehrt. Noch einmal:
Die Zeiten haben sich verändert. Ich
kann doch nicht aus einer vergangenen
Epoche Rosinen herauspicken, ohne
den gesellschaftlichen und kirchlichen
Hintergrund dazu zu denken. Das wäre
museal. Liturgie aber muss in Beziehung
stehen zur heutigen Denk- und
Lebenswelt. Es funktioniert einfach nicht,
etwa eine Erstkommunionfeier aus den
50er Jahren eins zu eins übertragen - und
das mit unseren Kindern und Eltern und
Gemeinden von heute.
MITEINANDER: Vor kurzem hat der Papst in
einem Brief an die Bischöfe angekündigt,
dass es in der Wandlung bald heißen wird:
„mein Blut, das für euch und für viele
vergossen wird“, weil das den biblischen Einsetzungsworten näher komme
als die bisherige Übersetzung „für
alle“. Ein Rückschritt oder nur eine
Haarspalterei von Theologen?
Steinke: Vielen Gottesdienstbesuchern
wird das relativ egal sein,
für mich als Theologe ist es durchaus
eine spannende Frage, die wieder
zu Ihrer ersten Frage zurückführt:
Schließen wir die Reihen der Kirche
oder sind wir für alle da? Es drückt
schon eine Haltung aus, wie und
für wen wir Gottesdienst feiern,
um Gottes Erlösungswillen für alle
Menschen zu entsprechen. Ich halte
diese Veränderung der Übersetzung
trotzdem für eine mögliche Chance,
mit den Gemeinden ins Gespräch
zu kommen und das Bewusstsein
zu stärken, dass wir auch als kleine
Gemeinschaft stellvertretend für alle
Menschen Gottesdienst feiern - auch
und gerade für die, die nicht dabei
sind. Es ist dazu auch wichtig, sich
klar zu machen, dass Gott eben
nicht einfach über alle Menschen
agiert. In der Bibel hat Gott sich sehr
ausdrücklich ein Volk erwählt und
nicht alle Völker, Christus sammelt
eine relativ exklusive Schar von
Jüngern um sich. So ist die Kirche und jede Gemeinde immer eine
kleine Gruppe inmitten der großen
Gesellschaft - von der dann etwas
ausstrahlen soll, das für andere
Menschen zur Einladung wird. Das
unterstreicht auch unsere Aufgabe
als gläubige Christen, Zeugen zu sein
und uns nicht kurzschlüssig schon
für die ganze Zielgruppe Gottes zu
halten. Das „für alle“ ist eben noch
nicht erfüllt, indem wir zusammen
kommen. Vielleicht kann das „für
viele“ im Hochgebet dies demnächst
etwas bewusster machen und
mobilisieren.
MITEINANDER: Wie wird sich die Kirche
in den nächsten Jahren entwickeln?
Steinke: Ich wage keine konkreten
Prognosen, sicher scheint mir aber zu sein,
dass wir mit unserer inneren Haltung zum
gegenwärtigen Schrumpfungsprozess
manches beeinflussen können. Unsere
Art, Gottesdienst zu feiern und sozial
engagiert zu sein, muss allerdings Freude
vermitteln. Wenn wir die Entwicklung
nur negativ betrachten und betrauern,
vergiftet uns das regelrecht. Das wirkt auf
niemanden anziehend. Je entspannter
wir etwas gerne tun, umso mehr
werden wir Menschen dafür begeistern.
Und so werden wir im positiven Sinne
„überleben“. Dabei müssen wir für uns
klar haben, was am Ende als zentrales
Geschehen unseres Gemeindelebens
bleiben wird: die sonntägliche
Eucharistiefeier, die die Mitte unseres
Lebens als Christen ist, durch die
wir mit Christus verbunden bleiben.
Wir haben in den letzten Jahren in Flingern/Düsseltal viele Voraussetzungen
geschaffen, gastfreundliche Gemeinden
zu sein. Ich vergleiche das mal mit
der Piratenpartei. Die hat viele neue
Strukturen entwickelt, unsere Demokratie
mitzugestalten und muss jetzt möglichst
schnell ihre inhaltlichen Ziele definieren.
Wir als Kirche in Flingern/Düsseltal
müssen nun ganz ähnlich lernen, nicht
bei der Struktur - Gastfreundschaft -
stehen zu bleiben, sondern über das
Zentrale in unserem Glauben zu sprechen
- nicht nur mit Fremden, sondern auch
untereinander. Dann können Interessierte
schnell erkennen, warum sie in dieser
Kirche mitmachen sollten.
Mit Pfarrer Steinke sprach Carsten Horn.
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